Bundesweiter "Tag der Archive" am 7. März 2026: Alte Heimat - neue Heimat
Forschung in Bewegung
Dokumente und Fotografien aus Münchner Wissenschaftsarchiven
Auch dieses Jahr nimmt das TUM Archiv am „Tag der Archive“ teil. Gemeinsam mit dem Universitätsarchiv der LMU, dem Archiv des Deutschen Museums und der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek zeigen wir die Ausstellung „Forschung in Bewegung. Dokumente und Fotografien aus Münchner Wissenschaftsarchiven“ in den Räumen der Universitätsbibliothek der LMU. Das TUM Archiv beleuchtet dabei das Phänomen des “Brain Drain“, die Abwanderung wissenschaftlicher Intelligenz in Zeiten politischer Umbrüche, in diesem Fall während des Nationalsozialismus.
Exemplarisch werden Lebenswege von Studierenden und Hochschullehrern der Technischen Hochschule München – wie die heutige TUM damals noch hieß – zwischen 1933 und 1945 vorgestellt, die ihre Alma Mater aus politischen und rassistischen Gründen verlassen mussten und versuchten, im Ausland eine neue wissenschaftliche Heimat zu finden. Darunter die Studierenden Bernhard Pietrkowski (Technische Physik), Edith Bloch (Organische Chemie), und Gerd Weissmann (Maschinenwesen) sowie die Professoren Robert Emden (Physik und Meteorologie), Hans Raum (Acker- und Pflanzenbau) und Robert Vorhoelzer (Architektur).
Während sich die Zufluchtsorte bei den hier gezeigten Fallbeispielen über die ganze Welt verteilen – von den USA, über Indien, die Türkei, Israel und die Schweiz bis hin zur inneren Emigration – war der Hauptgrund für den Ausschluss aus der THM eine jüdische Abstammung, die auf ministeriellen Erlass von jedem Hochschulangehörigen bis in die Generation der Großeltern überprüft wurde. Weitere Kriterien für eine Entfernung aus der Hochschulgemeinschaft waren eine kritische Haltung gegenüber dem NS-Regime oder eine kommunistische Betätigung.
Letztere wurde zum Beispiel dem polnischen Studenten der Technischen Physik Bernhard Pietrkowski vorgeworfen, der daraufhin im März 1933 für einige Monate im KZ Dachau interniert und im Wintersemester exmatrikuliert wurde. Er emigrierte 1934 in die USA, änderte seinen Namen in Bernard Peters und vollendete sein Studium in Berkeley. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er an der University of Rochester tätig. Prägend war seine Verbindung zu Robert Oppenheimer, bei dem er 1942 promovierte, der ihn jedoch später in der McCarthy-Ära beschuldigte, ein glühender Kommunist zu sein. Wieder musste Peters emigrieren: Zunächst nach Indien, wo er unter dem Atomwissenschaftler Homi J. Bhabha am Tata Institute of Fundamental Research arbeitete und 1952 für den Nobelpreis nominiert wurde. Seine letzte Wahlheimat fand Peters in Dänemark: Hier war er ab 1958 am Nils-Bohr-Institut tätig und wurde 1966 Direktor des neu gegründeten Danish Space Research Institute.
Die Präsentation soll daran erinnern, dass der Verlust von Fachwissen – der Brain Drain in der NS-Zeit – über die persönlichen Schicksale hinausging. Die durch das Regime direkt oder indirekt erzwungene Abwanderung von Intelligenz hinterließ nicht nur eine Leerstelle an der THM, sondern schwächte die gesamte deutsche Wissenschaft und hatte langfristige Folgen für Bildung, Forschung und Innovation. Aufgeworfen werden zudem die Fragen: Wie lässt sich Identität in Zeiten großer Umbrüche bewahren oder neu verorten? Wie verändert Migration wissenschaftliche Netzwerke und Fachkulturen? Und wie tragen frühere Generationen dazu bei, heutige Debatten über Integration und Heimat zu prägen?
Das Thema „Alte Heimat – neue Heimat“ soll dazu einladen, mit Neugier und Respekt in die Archive zu blicken: Auch um die Geschichten von Menschen zu erkunden, die Heimat verloren, gefunden oder neu definiert haben.




