Wenn die Dinge sprechen könnten – Objekte aus dem TUM.Archiv

An dieser Stelle möchten wir Einblicke in die Vielfalt unserer Bestände eröffnen. Beginnend mit Januar 2021 präsentieren wir in unregelmäßigen Abständen ausgewählte Objekte aus dem TUM.Archiv: Alte und benutzte, vergessene und verstaubte, restaurierte und gerettete Dinge, denen wir bei unserer täglichen Arbeit auf den Grund gehen und die ein Stück Geschichte der TUM beleuchten. 

Utensilien eines Chemikers in einer Zigarrenschachtel

Die mit zwei Siegeln der ehemaligen Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan versehene Holzschatulle – eine zweckentfremdete Zigarrenschachtel – kam 2020 als Neuzugang ans TUM.Archiv. Zusammen mit einer Sammlung von Münzen und Medaillen wurde sie dem Archiv dankenswerterweise vom Wissen-schaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt überlassen. Sie enthält ein neunteiliges handgeschmiedetes Chemiker-Besteck.

Wie aus dem handschriftlichen Text auf dem Deckel der Schachtel hervorgeht, gehörten die Instrumente zum „Laboratorium der Hochschule Weihenstephan“ und fanden vor allem bei Chemievorlesungen Verwendung. Im Juli 1923 wurden Schachtel und Inhalt „von Prof. Dr. Ulsch der Hochschulkasse zur Aufbewahrung übergeben“.

Über Karl Ulsch und seine Tätigkeit informiert sein Personalakt, der ebenfalls im TUM.Archiv aufbewahrt wird: 1858 in Nürnberg geboren, studierte er Chemie an den Universitäten in München, Erlangen, Halle und Würzburg und promovierte 1884 in Heidelberg. Noch im selben Jahr trat Ulsch eine Assistentenstelle an der Landwirthschaftlichen Centralschule Weihenstephan an – einer Vorgängerinstitution der TUM. Damit begann sein nahezu vier Jahrzehnte andauerndes Wirken als Lehrer für Chemie und Mineralogie in Weihenstephan.

König Luitpold beförderte Ulsch 1892 zum Lehrer für Chemie und Technologie und 1894 zum Professor an der Centralschule. In seiner vorausgegangenen Bewerbung um die vakante Professur führte Ulsch seine bisherigen Leistungen an. Demnach war er nicht nur mit der Ausführung von brautechnischen und agriculturchemischen Untersuchungen sowie mit der Erstellung brauereichemischer Gutachten betraut. Er kümmerte sich auch um die Ausstattung der Übungsräume, wobei er „besonders bestrebt [war], die Hilfsmittel des chemischen Laboratoriums zu vervollständigen und zu verbessern“.

Für das Laboratorium konzipierte Ulsch spezielle Apparate und Instrumente. So entwickelte er beispielsweise neben dem hier vorgestellten Chemiker-Besteck zwei besonders für Lehrzwecke geeignete Apparate zur Vorführung elektromagnetischer Rotationserscheinungen. Ihre Bau- und Funktionsweise veröffentlichte er 1903 in der Zeitschrift für den physikalischen und chemischen Unterricht. Ulsch konstruierte auch einen „Trockenschrank nebst Zubehör (Trockenschiffchen, Manometer, Thermometer etc.)“. Nachdem dieser viele Jahre im Weihenstephaner Labora-torium genutzt worden war, übergab ihn Ulsch 1910 auf Anfrage Oskar von Millers dem Deutschen Museum für die damals im Aufbau begriffene Ausstellung zum Thema „Brauerei".

Im Oktober 1923, wenige Monate nachdem er das Chemiker-Besteck der Hochschulkasse übergeben hatte, ließ sich Ulsch krankheitsbedingt von der Vorlesungspflicht befreien. Die Landwirthschaftliche Centralschule, an der Ulsch 1884 als Assistent begonnen hatte, wurde 1895 zur Kgl. Bayerischen Akademie für Landwirtschaft und Brauerei erhoben. 1919 erhielt sie das Promotionsrecht und die Bezeichnung – wie auch auf den Siegeln der Zigarrenschachtel zu lesen – Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan.

Parallel dazu wurde 1872 an der Technischen Hochschule München eine landwirtschaftliche Abteilung gegründet. 1928 kam es zur Vereinigung der beiden agrarwissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen in der heutigen Technischen Universität, wobei die Weihenstephaner Hochschule in Form zweier Fakultäten weitergeführt wurde. 2001 fand eine Umstrukturierung und wissenschaftliche Neuausrichtung des Standorts Weihenstephan statt: Die bisherigen Fakultäten für Landwirtschaft und Gartenbau bzw. für Brauwesen, Lebensmitteltechnologie und Milchwissenschaft sowie die bis dahin zur LMU gehörende Fakultät für Forstwissenschaft sind seitdem im Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt (WZW) zusammengefasst.